Multiple Chemikalien Sensitivität, die Vielfache Chemikalienunverträglichkeit, wird z.T.  unter weiteren Pseudonymen beschrieben, die sich orientieren an Symptomen (Idiopathische Umweltintoleranz [IEI], Umwelterkrankung [EI], Chemikalienintoleranz [CI]) oder Pathogenetischen Mechanismen *): (Toxikologisch induzierter Toleranzverlust [TILT]). Z.T. haben neuere Studien MCS in die Gesamtheit der „Zentralen Sensitivitätssyndrome (Central Nervous System Awareness Syndrome/CSS)“ aufgenommen**). Bei MCS handelt es sich NICHT um eine Allergie ***).

MCS-Diagnoseschlüssel und -kriterien

ICD-10-GM
Die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten, German Modification“ ist die amtliche Diagnosen-Klassifikation in der medizinischen Versorgung in Deutschland.

Hier wird in der Version 2021 MCS unter T78.4 „unspezifische Überempfindlichkeit (Allergie nicht näher bezeichnet)“, den organischen Erkrankungen (durch äußere Einwirkung) zugeordnet. (verlinkte Quelle: Ärzteinformationsblatt Dr. Merz). Namentlich findet man MCS erst im Diagnosenthesaurus (Alphabetisches Verzeichnis). Hier wurde es mit unterschiedlichen Schreibweisen mehrfach gelistet zur Unterstützung der Suche (jeweils mit dem Hinweis auf Zuordnung zu T78.4)  und zwar unter:
– „Chemical-Sensitivity [MCS]-Syndrom, Multiple- Chemikalie“
– „MCS [Multiple-Chemical-Sensitivity]-Syndrom“  
– „Multiple-Chemical-Sensitivity [MCS]-Syndrom“
– „Sensitivity [MCS]-Syndrom, Multiple-Chemical“ 
– „Multiple-Chemical-Sensitivity [MCS]“                   

(verlinkte Quelle: DIMDI)

Die MCS-Diagnose wird dadurch erschwert, dass Untersuchungsbefunde durchaus normal sein können*). Die Schulmedizin mit ihren meist eingeschränkten analytischen Methoden stößt somit im Falle der KLINISCHEN Umweltmedizin an ihre Grenzen **). Mehr zur Klinischen Umweltmedizin erfahren Sie z.B. in diesem Erklärvideo auf YouTube:

Für die MCS-Diagnose werden u.a. umfangreiche Fragebögen und Konsensus-Kriterien herangezogen ***):

Die KonsensusKriterien von Bartha et al. (1999)  ***):

1. Die Symptome sind reproduzierbar bei wiederholten Chemikalien-Expositionen.
2.
Der Zustand ist chronisch.
3.
Symptome werden durch niedrige Expositionsdosen ausgelöst, die von anderen im Allgemeinen toleriert werden bzw. vor Beginn der Erkrankung toleriert wurden.
4.
Die Symptome bessern sich oder verschwinden ganz, wenn die Auslöser vermieden oder entfernt werden.
5.
Die Auslösung der Symptome erfolgt durch verschiedene, chemisch nicht miteinander verwandte Stoffe.
6.
Mehrere Organe oder Organsysteme sind von den Symptomen betroffen.

Die überarbeiteten Kriterien von Lacour (2005) definieren MCS so *):

1. Eine chronische Erkrankung, die mehr als 6 Monate andauert und eine Verschlechterung der Lebensqualität und der organischen Funktionen verursacht.
2. Die Symptome treten in reproduzierbarer Weise unter Beteiligung des Nervensystems auf, mit einer charakteristischen Überempfindlichkeit gegenüber Duftstoffen.
3. Ständige Beteiligung des zentralen Nervensystems und mind. eines weiteren Organsystems.
4. Reaktionen, die selbst bei niedrigen Chemikalien- Expositionen hervorgerufen werden.
5. Reaktion auf nicht verwandte Chemikalien.
6. Verbesserung oder Verschwinden der Symptome nach Entfernung der Expositionsquelle.

MCS soll bei Erfüllung der Konsensus-Kriterien 16 nach Bartha et. al auch bei gleichzeitigem Vorliegen evtl. anderer Krankheiten, die teilweise zur Erfüllung der Kriterien führen (z.B. Allergien, Asthma, Chronic Fatigue Syndrome, Fibromyalgie), diagnostiziert werden. Eine MCS-Diagnose sollte nur dann ausgeschlossen werden, wenn die Beschwerden und ihre Assoziation mit einer Chemikalien-Exposition vollständig durch eine andere MultiOrganerkrankung des Patienten (z.B. Mastozytose oder Porphyrie) erklärt werden können***).

Ärzteinformationsblätter

MCS-ÄRZTEINFORMATION
(in Abstimmung mit dem dbu)
:
Was ist Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS)? Der übersichtliche Steckbrief enthält:

  • ICD10 GM Klassifikation
  • Mögliche Beschwerde-Auslöser
  • Mögliche Symptome unterschiedlicher Organsysteme
  • Mögliche Gefährdung durch anaphylaktoide Schockreaktion
  • Diagnosekriterien, Ein- und Ausschlussfaktoren
  • Genetische Suszeptibilität
  • Erfordernis der Expositionsvermeidung

Veröffentlicht von der MCS-CFS-Initiative NRW e.V. auf deren (hier verlinkten) Internet-Seite.

MCS-FACHINFORMATION für Ärzte, Heilpraktiker und Therapeuten

MCS-Infoblatt des dbu (Dt. Berufsverband Klinischer Umweltmediziner e. V.)

  • Internationale Anerkennung und Definition nach den Kriterien des Center of Disease
    Control (CDC-Kriterien)
  • Abgrenzung zu psychosomatischen bzw.
    psychiatrischen Krankheitsbildern
  • Ausgeschlossene Krankheitsmechanismen
  • Pathomechanismen
  • Schwere der Erkrankung und GdB

Veröffentlicht vom Dt. Berufsverband Klinischer Umweltmedizinier e. V. auf dessen (hier verlinkter) Internet-Seite.

CMI-ÄRZTEINFORMATION
Übersicht der ICD-10 Klassifikationen der chronischen Multisystemerkrankungen

Herausgeber: Workshop Anerkennungs-verfahren in Kooperation mit CSN und (hier verlinkt) online verfügbar.

Hinweis: für einige CMI sind i. R. des Generationswechsels auf den ICD-11 bereits neue Diagnoseschlüssel bekannt (oben verlinkt).

BREESI: Das Kurz-Screening zur besseren Früherkennung

Frage 1):
Fühlen Sie sich krank, wenn Sie Tabakrauch, best. Duftstoffen, Nagellack/-Entferner, Motor-Abgasen, Benzin, Lufterfrischern, Pestiziden, Farben o. Verdünnungsmittel, frischem Teer/Asphalt, Reinigungsmitteln, neuen Teppichen oder Möbeln ausgesetzt sind? (Mit krank ist gemeint: Kopf-Schmerzen, Denk-Schwierigkeiten, Atem-Beschwerden, Schwäche, Schwindel, Magenverstimmung usw.)

Frage 2):
Haben sie Unverträglichkeiten, unerwünschte Nebenwirkungen oder allergische Reaktionen bezüglich
– Medikamenten u. Arzneimitteln (wie z.B. Antibiotika, Anästhetika, Schmerzmittel, Röntgen-Kontrastmittel, Impfstoffe oder Antibabypillen)
– oder eines Implantats, einer Prothese, eines chemischen oder mechanischen Verhütungsmittels (z.B. Spirale), einem anderen (zahn-)medizinischen/chirurgischen Material oder Verfahren?

Frage 3):
Haben Sie Unverträglichkeiten oder unerwünschte Reaktionen bezüglich Lebensmitteln wie z. B. Milchprodukten, Weizen, Mais, Eier, Koffein, alkoholischen Getränken oder Lebensmittel-Zusatzstoffen (z.B. Mononatriumglutamat, Lebensmittel-Farbstoffe)?

Von den Studienteilnehmern, die bei allen drei Fragen mit „Nein“ antworteten, wurden in der anschl. vertiefenden Analyse  tatsächlich 95% als „unwahrscheinlich“ in Bezug auf eine Chemikalien-Intoleranz eingestuft (d.h. negativer Vorhersagewert = 95%).

Wurde jedoch auch nur eine dieser Fragen mit „JA“  beantwortet, bestand lt. Erkenntnissen der Studiengruppe immer noch eine Wahrscheinlichkeit von über 80 %, dass in der vertiefenden Analyse eine Chemikalien-Intoleranz festgestellt wurde (d. h. positiver Vorhersagewert >80%).

Möchten Sie mehr zur BREESI-Studie erfahren? Eine Zusammenfassung sowie eine unverbindliche Übersetzung finden Sie im Forum „Leben mit MCS“. Dieser Button führt Sie bequem hin:

verlinkte Quelle und weiterführende Informationen: Palmer, Miller et al. „Three questions for identifying chemically intolerant individuals in clinical and epidemiological populations: The Brief Environmental Exposure and Sensitivity Inventory (BREESI),“ PLoS One. 2020 Sep 16;15(9):e0238296. doi: 10.1371/journal.pone.0238296. PMID: 32936802; PMCID: PMC749407; [Online]. Available: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7494077/ ; Free PMC article, License Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) [Online]. Available:https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ (Beide Zugriffe 05.03.22)

(Beispielhafte) Anamnese-Fragebögen

Das Quick Environmental Exposure and Sensitivity Inventory (QEESI) ist ein validierter Fragebogen zur Ermittlung und Dokumentation einer Chemikalien-Intoleranz. Palmer et al. empfehlen im Rahmen ihrer BREESI-Studie dieses zeitsparende Kurzscreening dem umfangreichen QEESI vorzuschalten. Mehr dazu finden Sie auf der Homepage der UT Health San Antonio.
Auch wenn die Praxis nicht mehr existent ist: In Anlehnung an den QEESI hier ein deutschsprachiger Bogen.

Eine Initiative der EUROPAEM hat in Kooperation mit dem Qualitätszirkel des Fortbildungskurses Umweltmedizin (Juli 2012 – Febr 2020) einen 14-seitigen (hier verlinkten) Umweltmedizinischen Fragebogen entwickelt.

Dies sind nur Beispiele, es gibt sicherlich noch weitere Exemplare. Die jeweilige Auswahl trifft der behandelnde Arzt/Heilpraktiker.

Quelle und weiterführende Informationen: s. obige Verlinkungen zur Homepage der UT Health San Antonio und Homepage von EUROPAEM.
QEESI (dt. Fassung) stammt von http://www.mcs-cfs-initiative.de

Bezüglich der „Diagnostik umweltausgelöster Multisystem-Erkrankungen aus Sicht der Klinischen Umweltmedizin“ finden Sie hier eine gemeinsame Stellungnahme (2012) der Europäischen Akademie für Umweltmedizin (EUROPAEM) und der Österreichischen Ärztekammer (Referat Umweltmedizin). Sie beinhaltet u.a. Informationen und Empfehlungen für den ärztlichen Diagnoseprozess zur Entwicklung geeigneter Therapie‐Maßnahmen.